Auch bei bakterieller Infektion sind die Medikamente eher Belastung als Hilfe
Erkältung ohne Antibiotika kurieren
Grippe und Schnupfen sind Virusinfektionen, gegen die Antibiotika nicht wirken. Das ist inzwischen auch medizinischen Laien bekannt. Doch sobald sich der abgehustete Schleim gelb oder grünlich färbt erkennen Patienten - und oftmals auch Ärzte - darin das Signal für eine opportunistische Bakterieninfektion, die mit Antibiotika behandelt werden muss. Das ist jedoch ein Irrtum.
Richtig ist, dass die Färbung des abgehusteten Schleims eine Bakterienbesiedelung anzeigt. Nicht richtig ist, dass die Patienten dadurch schneller wieder gesund werden. Diesen Schluss zieht ein Forscherteam der Universität Cardiff (Großbritannien) der Analyse systematischer Beobachtungen in 125 Arztpraxen in 13 Ländern im Rahmen der GRACE-Studie. Ziel dieses großen europäischen Verbundprojektes ist es bei ansteckenden Erkrankungen der Atemwege wie Bronchitis oder Lungenentzündungen Antibiotika-Resistenzen zu vermeiden.
Das Risiko ist evident. Notierten Ärzte gelben oder grünen Schleim in den Diagnoseakten, verordneten sie mit signifikant größerer Wahrscheinlichkeit ein Antibiotikum als bei trockenem Husten oder farblosem Schleim. Am geringsten war der Effekt in Spanien (19,6%) am größten in der Slowakei (88,2%). Dabei spielte die Befindlichkeit der Patienten, deren subjektive Gesundheitsbeeinträchtigung, offensichtlich keine Rolle.
Vielmehr scheint die Farbe des Schleims vielen Medizinern als eindeutiger Hinweis auf eine bakterielle Infektion mit Eiterbildung als Ursache des Hustens zu genügen. Doch diese Diagnose ist schon länger strittig. Denn dann müsste eine Therapie mit Antibiotika stets besser helfen als einfach abzuwarten. Die Auswertung der Tagebücher (bis mindestens 28 Tage nach dem Arztbesuch) von 3.402 erwachsenen Patienten ergab keinen Unterschied der mittleren Leidenszeit: Ohne Medikamente plagt eine Erkältung 14 Tage, mit Medikamenten nur zwei Wochen.
In ihrem Fazit erklären die Forscher: „Unsere Befunde bekräftigen die Botschaft, dass akuter Husten bei ansonsten gesunden Patienten ein Zustand ist, der von selbst zu Ende geht, und dass eine antibiotische Behandlung die Genesung nicht nennenswert beschleunigt." Und sie appellieren an ihre Kollegen: „In dieser Situation Antibiotika zu verschreiben, mutet Patienten unnötige Nebenwirkungen zu, unterminiert die Selbstverantwortung der Patienten und begünstigt Antibiotika-Resistenzen."
Quellen:
Butler, C.C. et al. (2011): Antibiotic prescribing for discoloured sputum in acute cough/lower respiratory tract infection. European Respiratory Journal 38 (1): 112-118. DOI: 10.1183/09031936.00133910
Erstellt am 23. Februar 2016
Zuletzt aktualisiert am 23. Februar 2016

Unterstützen Sie Menschenswetter!
Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.
Zwischenfrühling
Sonnenschein, Wärme an langen lichten Tage dieser Frühlingsdreiklang lockt hierzulande in den kommenden Tagen ins Freie. Das nasskalte Wetter weicht angenehmer Witterung. Für die Mehrzahl wetterempfindlicher Menschen eine Wohltat - leider wird auch der Pollenflug stimuliert. weiterlesen...
Beschleunigte Alterung der Gehirne erwachsener Frauen nach traumatiesierender Erfahrung in der Kindheit
Erleiden Mädchen emotionale, sexuelle oder physische Gewalt, müssen sie als Frauen mit einem höheren Risiko für Depressionen, Angststörungen, Fibromyalgie, Herzkreislauf - und Stoffwechselerkrankungen leben. Forscher der Charité Berlin haben nun einen weiteren neurologischen Effekt erkannt. weiterlesen...
Schon wenig Rotwein kann massive Kopfschmerzen auslösen
Reichlich Rotwein am Abend kann morgens Kopfschmerz provozieren. Manchen Menschen leiden jedoch schon nach einem kleinen Glas oder gar einem Probierschluck Rotwein und rasch anflutenden Kopfschmerzen - nicht erst nach Stunden im alkoholvertieftem Komaschlaf, sondern unmittelbar anschließend bei hellwachem Bewusstsein. weiterlesen...
Impfsaison 2023/2024 für Menschen mit Atemwegserkrankungen
Robert-Koch-Institut (RKI) und Ständige Impfkommission (STIKO) empfehlen Menschen mit Asthma und COPD frühzeitige Impfung gegen Grippe (Influenza) und neue Corona-Varianten sowie eine Überprüfung des Pneumokokken-Schutzes zur Vorbeugung einer Lungenentzündung. Gerade in der jetzt beginnenden kalten Jahreszeit steigt neben Infektionen der oberen und unteren Atemwege auch das Risiko für spürbare Verschlechterung der Symptomatik von vorbestehenden Lungenerkrankungen. weiterlesen...
Künstliche Intelligenz (KI) unterstützt Ärzte bei der Diagnose
Das Konzept der KI (im Englischen treffender als Artificial Intelligence bezeichnet) ist in der aktuell populären Version auf die Komposition von Texten optimiert. In der medizinische Diagnostik werden andere Qualitäten gefordert. Doch schon heute liefern solche Anwendungen erstaunlich kompetente Unterstützung. weiterlesen...
Wetterwechsel provoziert Migräneattacken
Befragt man Menschen, die unter Migräne leiden, werden zuverlässig bestimmte Wetterlagen oder eine besonders dynamische Veränderung des Wetters als Auslöser von Schmerzattacken genannt. Deshalb wurde dieser besondere Umwelt-Trigger schon vielfach untersucht. Neue Studien zeigen, dass es nicht die Wetterlage ist, die Schmerzattacken auslöst. weiterlesen...